Mit dem Altersvorsorgedepot soll ab 2027 die Riester-Rente bei Neuabschlüssen ersetzt werden. Über die konkrete Ausgestaltung wird derzeit intensiv diskutiert. Für Verbraucherinnen und Verbraucher besteht aus meiner Sicht kein Anlass zur Eile: Viele wichtige Details sind noch offen und es bleibt zu hoffen, dass sich auch die Erkenntnisse der aktuellen Studie von Prof. Dr. Christian Klein und weiteren Forschenden in der konkreten Ausgestaltung wiederfinden.
Besonders drei Erkenntnisse stechen hervor:
1. Sicherheit schlägt Rendite
Drei von vier Befragten können sich grundsätzlich vorstellen, ein Altersvorsorgedepot zu nutzen. Gleichzeitig bevorzugt die Mehrheit Produkte mit hohen oder sogar vollständigen Beitragsgarantien. Das frei gestaltbare Depot ohne Garantie landet dagegen auf dem letzten Platz.
Dieser Wunsch nach Sicherheit überrascht nicht. Altersvorsorge soll Verlässlichkeit schaffen und finanzielle Risiken begrenzen. Gleichzeitig weist die Studie auf einen wichtigen Zusammenhang hin: Garantien gehen in der Regel mit geringeren Renditechancen einher. Über lange Anlagezeiträume kann dies spürbare Auswirkungen auf den Vermögensaufbau und damit auf die spätere Altersvorsorge haben.
Die Autoren empfehlen deshalb, die Auswirkungen von Garantien deutlich transparenter darzustellen. Wer sich für ein Garantieprodukt entscheidet, sollte nachvollziehen können, wie sich diese Entscheidung voraussichtlich auf die spätere Versorgung auswirkt. Vorgeschlagen werden unter anderem verständliche Beispielrechnungen in den Produktinformationen, die die langfristigen Folgen verschiedener Garantieniveaus sichtbar machen.
Diese Empfehlung erscheint mir sehr sinnvoll. Die Entscheidung für oder gegen Garantien bleibt selbstverständlich eine individuelle Frage. Voraussetzung für eine fundierte Entscheidung ist jedoch, dass die jeweiligen Vor- und Nachteile verständlich dargestellt werden. Dazu gehört nicht nur der Hinweis auf die zusätzliche Sicherheit, sondern auch auf deren Kehrseite: geringere Renditechancen und möglicherweise ein niedrigeres Vermögen beziehungsweise eine geringere Versorgung im Alter.
Ebenso wichtig erscheint mir der umgekehrte Blickwinkel. Wer auf Garantien verzichtet oder diese reduziert, übernimmt zwar stärkere Wertschwankungen während der Ansparphase, partizipiert langfristig jedoch stärker an den Ertragschancen der Kapitalmärkte. Gerade bei Anlagezeiträumen von mehreren Jahrzehnten sollte dieser Zusammenhang verständlich und transparent dargestellt werden.
Ob Gesetzgeber und Anbieter diesen Gedanken im weiteren Reformprozess aufgreifen werden, bleibt abzuwarten. Für die Qualität zukünftiger Entscheidungen wäre aus meiner Sicht jedoch ein wichtiger Schritt erreicht, wenn Verbraucherinnen und Verbraucher die Konsequenzen unterschiedlicher Produktvarianten besser nachvollziehen können und ihre Entscheidung auf einer informierten Grundlage treffen.
2. Nachhaltigkeit wird gewollt, ist aber bisher nicht
vorgesehen
Während die öffentliche Diskussion über das Altersvorsorgedepot vor allem von Garantien, Kosten und Renditechancen geprägt ist, spielt Nachhaltigkeit bislang nur eine Nebenrolle. Die Studie zeichnet jedoch ein anderes Bild: 67 Prozent der Befragten wünschen sich Nachhaltigkeitskriterien im Standarddepot, 65 Prozent befürworten eine stärkere Förderung nachhaltiger Produkte und ebenso viele möchten selbst entscheiden können, ob Nachhaltigkeit berücksichtigt wird.
Bemerkenswert ist dabei die Kombination dieser Ergebnisse. Viele Menschen wünschen sich offenbar beides: eine nachhaltige Orientierung im Standardprodukt und gleichzeitig individuelle Wahlfreiheit. Die Autoren schlagen deshalb ein nachhaltiges Standarddepot mit Ausstiegsmöglichkeit vor.
Aus meiner Sicht greift die Studie damit einen wichtigen Aspekt auf, der in der öffentlichen Debatte häufig zu kurz kommt. Nachhaltige Geldanlage ist nicht nur eine Frage persönlicher Werte. Die Folgen des Klimawandels sind bereits heute auch in Deutschland spürbar, etwa durch Hitzewellen, Dürreperioden, Waldschäden, Starkregen oder Hochwasserereignisse. Die notwendigen Investitionen in Klimaschutz, Infrastruktur und Anpassungsmaßnahmen gehören deshalb zu den großen wirtschaftlichen Aufgaben der kommenden Jahrzehnte.
Gleichzeitig ist bekannt, dass frühzeitige Investitionen langfristig deutlich günstiger sind als die spätere Beseitigung von Schäden. Vor diesem Hintergrund könnte das Altersvorsorgedepot die Chance bieten, Altersvorsorge und Zukunftsinvestitionen stärker miteinander zu verbinden. Ob und in welchem Umfang Politik und Anbieter diesen Gedanken aufgreifen werden, bleibt allerdings abzuwarten.
3. Drei von zehn Befragten kennen die Reform nicht
Rund 30 Prozent der Befragten hatten vor der Umfrage noch nichts von der Reform des Altersvorsorgedepots gehört. Dabei ist bemerkenswert, dass die Studie Personen untersucht hat, die sich bereits mit Aktien, Fonds oder ETFs beschäftigen. In der Gesamtbevölkerung dürfte die Bekanntheit vermutlich noch geringer ausfallen, so die Autoren. Erste Auswertungen deuteten darauf hin, dass die Bekanntheit mit dem Einkommen steigt und kapitalmarkterfahrene Haushalte besser erreicht werden als andere Bevölkerungsgruppen.
Damit stellt sich die Frage, ob insbesondere Menschen mit geringerem Einkommen die Reform und die vorgesehenen Fördermöglichkeiten überhaupt kennen und nutzen können.
Die Autoren empfehlen daher, Aufklärung und finanzielle Bildung von Anfang an als festen Bestandteil der Reform zu verstehen. Verbraucherinnen und Verbraucher sollten die unterschiedlichen Produktvarianten und deren langfristige Auswirkungen nachvollziehen können. Dazu gehört auch, die Folgen von Garantien für die langfristigen Renditechancen transparent darzustellen. Die Wahl bleibt dabei frei, soll aber auf einer informierten Grundlage erfolgen.
Aus meiner Sicht ist dabei besonders wichtig, finanzielle Bildung nicht nur für Menschen mitzudenken, die sich bereits intensiv mit Geldanlage beschäftigen. Wenn das Altersvorsorgedepot einen breiten Beitrag zur privaten Altersvorsorge leisten soll, müssen Informationen und Fördermöglichkeiten für Alle verständlich und zugänglich sein. Gerade Menschen mit geringerem Einkommen oder einem bislang geringeren Zugang zu Finanzwissen sollten von der Reform profitieren können.
Einordnung und Ausblick
Das Altersvorsorgedepot stößt auf großes Interesse. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass die weitere Ausgestaltung der Reform noch wichtige Fragen offenlässt. Besonders deutlich wird dies bei den Themen Garantien, Nachhaltigkeit und finanzielle Bildung.
Aus meiner Sicht verdient vor allem der Nachhaltigkeitsaspekt mehr Aufmerksamkeit. Während sich eine deutliche Mehrheit der Befragten Nachhaltigkeitskriterien im Standarddepot wünscht und gleichzeitig individuelle Wahlfreiheit befürwortet, ist bislang offen, ob und wie dieser Wunsch in der konkreten Ausgestaltung berücksichtigt wird. Die Autoren schlagen ein nachhaltiges Standarddepot mit Ausstiegsmöglichkeit vor und regen zudem an, eine stärkere Förderung nachhaltiger Produkte zu prüfen. Gemessen an den Ergebnissen der Studie könnte hier eine Chance ungenutzt bleiben.
Bis zur geplanten Einführung im Jahr 2027 bleibt noch etwas Zeit. Ob Politik und Anbieter die Handlungsempfehlungen der Studie in die weitere Ausgestaltung des Altersvorsorgedepots einfließen lassen werden, bleibt abzuwarten. Für Verbraucherinnen und Verbraucher besteht deshalb weiterhin kein Anlass für vorschnelle Entscheidungen.
Für die aufschlussreiche Studie und die sachliche Einordnung der Ergebnisse danke ich Prof. Dr. Christian Klein, Prof. Dr. Marco Wilkens sowie den weiteren beteiligten Autorinnen und Autoren. Die Untersuchung bereichert die aktuelle Diskussion um das Altersvorsorgedepot um wichtige Perspektiven zu Garantien, Nachhaltigkeit und finanzieller Bildung.
Quelle: Klein et al. (2026): Das neue Altersvorsorgedepot: Was private Anlegerinnen und Anleger wollen, Policy Brief 3/2026, Wissenschaftsplattform Sustainable Finance. [Wissenscha…ance_03_26 | PDF]